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Trippeltrappel trippeltrappel Pony

Wandern, nicht zu Fuß, sondern auf dem Pferd. Den ganzen Tag oder gleich mehrere. Intensive Naturerlebnisse statt sportlicher Höchstleistung. Ab in den Sattel und den Chiemgau erkunden.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Sie scharren schon mit den Hufen: Jamie und Elvis wirken, als könnten sie es kaum erwarten, als würden sie wissen, was vor ihnen liegt: Ein Viertages-Ritt um den Chiemsee. Den haben sich Judith Schmidhuber und ihre Freundin Simone Ober schon lange vorgenommen. Beide sind pferdenärrisch und bevorzugen das Wanderreiten. Statt Dressurplatz und Springparcours sind sie lieber auf Ritten in Bayern oder Österreich unterwegs, manchmal auch mehrere Tage. Auch an Orientierungsritten nehmen sie teil. „Da werden zwischen 15 und 25 Kilometer zurückgelegt und zwischendurch müssen verschiedene Geschicklichkeitsprüfungen absolviert werden, etwa vom Sattel aus ein Tor öffnen und wieder schließen“, erklärt Judith. Jamie, das 13 Jahre alte American Paint Horse, eine Westernpferderasse, die als besonders ruhig, verlässlich und geländetauglich gilt und Elvis, der 19-jährige Lipizzaner, sind ihre Pferde. Seit sie ein kleines Mädchen ist, sitzt Judith Schmidhuber im Sattel. Mehrmals pro Woche ist sie mit ihren Rössern im Gelände unterwegs, fast immer länger als zwei Stunden. Entsprechend fit sind Tier und Reiterin, das müssen sie auch sein, für die lange Strecke, die vor ihnen liegt. Die Route, die das Quartett weiträumig um den Chiemsee führen wird, haben die Damen selbst geplant und das große Gepäck wie Wechselklamotten, Waschzeug, Kraftfutter und sämtliche Utensilien für die Pferdepflege bereits in die Nachtquartiere vorgefahren. „Man kann im Chiemgau wunderbar reiten, es gibt viele Wald- und Wiesenwege, aber aufs mehrtägige Wanderreiten sind Regionen wie das Mühlviertel in Österreich von der Infrastruktur besser spezialisiert“, weiß Judith, die in Peterskirchen im nördlichen Landkreis Traunstein daheim ist. Trotzdem, wer den Chiemsee vor der Haustür hat, muss auch einmal herumreiten.

Cowboyfeeling zum Sonnenuntergang
Behutsam legt die 34-Jährige Jamie den Sattel auf, schließt den Bauchgurt. Sie benutzt einen Westernsattel, dessen breite Auflagefläche das Gewicht des Reiters gut auf dem Pferderücken verteilt und für stundenlange Ritte ausgelegt ist. Außerdem gibt es genügend Möglichkeiten, um kleine Taschen und Trink-flaschen zu befestigen. Dann legt sie dem Wallach das Zaumzeug an. Sie benutzt eines ohne Mundstück. „Wir reiten eh am langen Zügel und lenken die Pferde über unseren Körper, dafür reichen minimale Gewichtsverlagerungen oder der Klang der Stimme. Ich muss nicht am Zügel ziehen, um sie anzuhalten“, erklärt Judith.
Simone hat den Lipizzaner Elvis bereits gesattelt. Die erste Etappe führt Mensch und Tier vom heimatlichen Stall in Peterskirchen am Kloster Seeon vorbei ins 18 Kilometer entfernte Truchtlaching. Dort peilen sie den „Wandergaul“ an, ihre erste Übernachtungsstation. Landwirt und Pferdefreund Georg Niedermaier hat die Wanderreitstation vor einigen Jahren eröffnet: fünf Blockhütten, an die sich jeweils ein Offenstall anschließt. Hier urlauben Reiter mitsamt ihren vierbeinigen Reisebegleitern.
Inmitten der Anlage befindet sich außerdem ein riesiger Badeweiher. Bevor Judith und Simone sich selbst stärken und erholen können, müssen erst die Tiere versorgt werden. Elvis und Jamie machen sich sofort über eine Schubkarre voll Heu her, während sie abgesattelt, gebürstet und die Hufe ausgekratzt werden. Dann erst genießen auch die Reiterinnen ihr abendliches Radler auf der hütteneigenen Terrasse. Im Westen geht dazu die Sonne unter.

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Judith Schmidhuber mit Jamie und Elvis

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Fotos: Judith Schmidhuber

Seepferdchen mit Nerven aus Stahl
Am zweiten Tag geht es weiter bis nach Übersee, zum Donebauer-Hof. Das Wetter ist perfekt, so dass die Reiterinnen einen kleinen Umweg nach Gut Ising einplanen, um sich dort Galopprennbahn und Poloreitplatz anzusehen. Wo das Hotel steht, siedelten einst die Kelten. Dann war der Ort römisches Staatsgut und im Mittelalter nährten die Bauern von Ising kirchliche und weltliche Herren. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Ising zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens bis nach München hinauf. 1934 begann der Aufbau dessen, wofür Gut Ising heute steht: Country Life in einem nostalgisch-romantischen Hotel mit einer langen Reitsporttradition.
Beim Wirtshaus in Kraimoos gibt’s dann Mittagessen, Schnitzel und Pommes für die Damen, Gras und einen Eimer Wasser für die Pferde.
Für ihren Ritt haben Judith und Simone eine Route mit einer klaren Vorgabe zusammengestellt: Teerstraßen meiden und stattdessen kleine Pfade und Feldwege entdecken. Mobiltelefone mit Google-Maps helfen ihnen dabei, im Gelände und in dichten Waldstücken nicht die Orientierung zu verlieren. Als sie nach dem Mittagessen das erste Mal direkt am Chiemseeufer stehen, gönnen sie sich eine ausgiebige Pause, sehr zur Freude von Jamie, der abgesattelt sofort gen Wasser marschiert. „Er liebt Wassertreten und schwimmen“, freut sich Judith, denn beides ist ein ideales Fitnesstraining fürs Pferd. Damit die Tiere ihre Reiterinnen problemlos auch über weite Distanzen tragen können, absolviert Judith mit ihnen ohnehin regelmäßig Trainingseinheiten, um die Rücken- und Bauchmuskulatur des Pferdes zu stärken. „Beides braucht es, damit ein Pferd einen Reiter tragen kann.“
Chiemseeritt-1-25Vor dem Etappenziel in Übersee wartet dann noch mal eine Herausforderung auf die Vier: Es geht über eine Fußgängerbrücke und durch die Autobahnunterführung. Jamie und Elvis meistern sie mit Bravour. Sie trotten in aller Seelenruhe dahin, als hätten sie nie etwas anderes getan, was auch daran liegt, das Judith Schmidhuber oft mit ihnen unterwegs ist, sie entsprechend an vieles gewöhnt sind. „Pferde sind Fluchttiere, es ist am Reiter, ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben“, sagt sie.

Wer sein Pferd liebt, führt
Auf der dritten Tagesstrecke passieren Judith und Simone Bernau und Prien und übernachten in Rimsting bei Freunden, die sich freuen, dass ihre unebene Wiese hinterm Haus über Nacht quasi gemäht wird. Am vierten Tag lassen sie die Erlstätter Seenplatte in Windeseile hinter sich und galoppieren zwischendurch mit Freude dahin. Generell wird das Tempo beim Wanderreiten eher langsam gehalten. „Meistens geht man im Schritt, führt der Weg steil bergauf oder bergab, führt man das Pferd auch mal. Deswegen ist es gut, wenn man feste, knöchelhohe Wanderschuhe trägt“, sagt Judith Schmidhuber. Die Hosen sollten bequem sein, möglichst ohne reibende Naht. Wie sieht es überhaupt an Tag vier mit dem Allerwertesten der Damen aus? „Dem macht das nichts aus, wir sitzen ja fast täglich im Sattel. Das ist wie bei gut trainierten Radfahrern, die haben auch keine Beschwerden“, versichern sie.
Mit dem Chiemseeufer in Seebruck ist am vierten Tag schließlich das Ziel erreicht. Weil der Handyakku kurz vor Schluss den Geist aufgegeben hat, können die Reiterinnen die gesamte Strecke nur schätzen, aber 100 Kilometer dürften es gewesen sein. Das finale Bad im See haben sich Jamie und Elvis redlich verdient, auch die Portion Hafer, die es nur bei größerer Belastung gibt.
Judith und Simone begnügen sich mit Butterbrezen – und einem weiten Blick über Chiemsee und die Berge.

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