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„Theater wird gelehrt, indem Theater gespielt wird“

Münchner Schauspielschulen – der Sprung auf die Bretter, die die Welt bedeuten
Ein Artikel von Wolfram Seipp

Alljährlich machen sich Tausende auf, um ihren großen Traum von einer Karriere auf Bühne und Kinoleinwand zu erfüllen: Die Aufnahmeprüfung an einer der staatlichen Schauspielschulen in Berlin, Essen oder München ist für angehende Schauspieler das Sprungbrett für ihre Karriere im Rampenlicht. Entsprechend hart sind die Aufnahmekriterien. Viele scheitern beim Vorspiel vor der Auswahlkommission und hängen ihren Traum von der Schauspielerei an den Nagel, um einen „Brotberuf“ zu erlernen. Nur rund ein Dutzend Bewerber im Jahr nehmen die renommierten staatlichen Schulen wie etwa die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, die Folkwangschule in Essen oder die Otto-Falckenberg-Schule in München zur begehrten Ausbildung auf. Absolventen der Talentschmieden stehen die Tore zu den „Brettern, die die Welt bedeuten“ weit offen. Die Absolventenliste liest sich wie ein „Who is Who“ der deutschsprachigen Schauspielelite. Die Aufnahmeprüfung an der 1946 gegründeten Münchner Otto-Falckenberg-Schule war selbst schon Thema in Sönke Wortmanns Erfolgskomödie „Kleine Haie“ von 1992. Höhepunkt der Irrungen und Wirrungen der drei Schauspielaspiranten aus dem Ruhrpott ist der Auftritt vor der Auswahlkommission.

Foto: Pixabay

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Joachim Meyerhoff schaffte die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule und wurde erfolgreicher Theaterschauspieler und Autor. 13 Jahre lang war er Ensemblemitglied am renommierten Burgtheater in Wien und wechselte nach der Spielzeit 2018/19 zur Berliner Schaubühne. Seine Zeit an der Otto-Falckenberg-Schule verarbeitete er in seinem Buch: „Ach, diese Lücke, diese schreckliche Lücke“. In tragisch-komischen Szenen beschreibt er autobiographisch die großen psychischen und physischen Herausforderungen der Ausbildung, die den nach Sinn im Leben und im Schauspielerdasein suchenden jungen Mann oftmals ratlos zurücklassen. Die Fähigkeit zur Darstellung allein reicht der Jury an der Otto-
Falckenberg-Schule nicht – wie sie betont. Die legendäre Institution erwartet von ihren Bewerbern auch „die Lust zur Auseinandersetzung mit der Welt“.

Körperarbeit, Sprecherziehung, Stimmbildung
In der vier Jahre dauernden Ausbildung bekommen die Schauspielschüler das Rüstzeug, um auf der Bühne bestehen zu können: Körperarbeit, Sprecherziehung, Stimmbildung und Gesang sind Unterrichtsfächer, in denen das technische Grundkönnen erlernt wird. Improvisationen, szenische Übungen und einstudierte Rollen dienen dazu, Körper und Sprache als wichtige Ausdrucksmittel sinnlich zu erfahren und einzusetzen. Neben dem praktischen Unterricht wird auch Dramaturgie und Theatergeschichte unterrichtet, um bei den Schülern einen breiten Zugang zu den Rollen und Stücken zu fördern.
Ab dem zweiten Studienjahr widmet sich die Ausbildung dann vermehrt der Ensemblearbeit in Form von Praktika an den Münchner Kammerspielen, an anderen Theatern sowie schuleigenen Inszenierungen und Studienprojekten.

Musiktheater, Operngesang, Musical
„Theater wird gelehrt, indem Theater gespielt wird“ – so lautet auch der Leitspruch der zweiten staatlichen Münchner Schauspielschule, der Theaterakademie August Everding im Münchner Prinzregententheater. Neben dem Schauspiel ist unter dem Dach der Akademie eine breite Palette an Studiengängen für Bühnenberufe vereint: Musiktheater, Operngesang und Musical werden gelehrt, aber auch Regie oder Dramaturgie. Außerdem werden Bühnen-, Kostüm- und Maskenbildner ausgebildet. Die Theaterakademie kooperiert mit den vier Münchner Hochschulen und den drei Münchner Staatstheatern und ist in dieser Form ein einzigartiges Lehr- und Lerntheater. Eine Aufnahmeprüfung ist sowohl für den Bachelor of Arts-Studiengang als auch für den Master of Arts-Studiengang vorgeschrieben.

Foto: Wolfram Seipp

Foto: Wolfram Seipp

Ziel der Ausbildung ist die Bühnenreife
Neben den staatlichen Schauspielschulen entlassen auch die privaten Schauspielschulen in München äußerst erfolgreiche Schauspieler, wie ein Blick auf die Absolventenlisten zeigt. So haben etwa Hans Clarin, Peter Schamoni, Robert Atzorn, Christian Tramitz, Peter Sattmann, Nadeshda Brennicke, Michael Lesch oder Andrea Sawatzki alle an privaten Institutionen ihr Handwerk gelernt. Auch hier muss meist eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bestanden werden.
Als private Berufsfachschulen sind private Schauspielschulen in der Regel BAföG-berechtigt, einige werden auch staatlich gefördert. Die Abschlussprüfung an vielen privaten Schauspielschulen ermöglicht die staatliche Anerkennung als Schauspieler/Schauspielerin für Film und Fernsehen und bescheinigt die sogenannte „Bühnenreife“.
Sie qualifiziert gleichzeitig zur Aufnahme bei der Zentralen Künstlervermittlung der Arbeitsagenturen und zur Teilnahme an der „Siegelverleihung“, einer Qualitätsprüfung für Absolventen privater Schauspielschulen. Mit dem „Siegel“ ausgezeichnete Teilnehmer haben die Möglichkeit, umgehend an Intendantenvorsprechen in ganz Deutschland sowie an der „Paritätischen Prüfung“ in Österreich teilzunehmen. Diese entspricht einem Hochschulabschluss und öffnet Türen für ein Engagement an österreichischen Theatern.

Lange Tradition
Einige der privaten Schauspielschulen haben eine lange Tradition und wurden schon in den 1950er- und 1960er-Jahren gegründet. Der Bedarf an neuen Schauspielern und Schauspielerinnen war in München Anfang der 1960er-Jahre groß. Die Anzahl der Produktionen der Bavaria Filmstudios, die dieses Jahr übrigens ihren 100. Geburtstag feiern, stieg stetig an. 1959 wurde die „Bavaria Atelier“ gegründet, die hauptsächlich für das Fernsehen wegweisende Sendungen wie die Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille“ produzierte. Zahlreiche Produktionsfirmen ließen sich in München nieder und die Stadt etablierte sich neben Berlin zur zweiten deutschen Filmhauptstadt.
Zerboni gilt als älteste private Schauspielschule in München und ist nach ihrer Gründerin Ruth von Zerboni benannt, die sie bis 1991 führte. Danach wurde die Schule bis 2010 von ihrer Tochter Ulrike Behrmann geleitet. Zerboni bezeichnet sich selbstbewusst als Nummer Eins der privaten Schauspielschulen. Keine Schule habe mehr Drehtage und Theaterengagements an eigene Schüler vermittelt. Eigens dafür hat die Schule ihre eigene Agentur gegründet.
Die Internationale Schule für Schauspiel und Acting, das ehemalige Zinner-Studio, kann ebenfalls auf eine lange Tradition blicken. Ursprünglich wurde das Studio von der Schauspielerin Ellen Zinner 1957 gegründet, seit 2003 trägt es seinen heutigen Namen. In das Schulgebäude in der Ötztaler Straße in Sendling wurde auch ein eigenes Theater eingebaut, um Schülern die Praxis auf der Bühne zu vermitteln. Ab dem zweiten Studienjahr wirken die Schauspielschüler an Produktionen mit.
Nur einige Jahre nach der Gründung des Zinner-Studios wurde 1960 auch die Neue Münchner Schauspielschule von Johannes Schütz und Ali Wunsch-König gegründet, die die Schule bis zu ihrem Tod über vier Jahrzehnte lang führte. Neben der rund dreijährigen Ausbildung mit dem Abschluss der Allgemeinen Bühnenreife können Absolventen der Neuen Münchner Schauspielschule auch den Abschluss der Paritätischen Bühnenreife in Wien erwerben.
Die Münchner Film Akademie richtet sich vornehmlich an den jungen Filmnachwuchs, der eine Karriere als Schauspieler, Regisseur oder hinter der Kamera anstrebt. Das moderne Ausbildungskonzept der Münchner Film Akademie wurde von Regisseur und Schulgründer Lou Binder entwickelt und im Jahr 2007 neu in Deutschland eingeführt. Der Schauspielunterricht orientiert sich an amerikanischen Vorbildern wie Lee Strasberg oder Stefan Meisner.
Absolventen können an eigenen Spielfilmproduktionen mitwirken und sich von der schuleigenen Agentur vertreten lassen. Weitere Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Schauspieler in München wie bei dem Artemis Schauspielstudio oder dem Trayer-Schauspielstudio werden berufsbegleitend angeboten.
Wer es schließlich geschafft hat, auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen, für den beginnt der Kampf um Rollen und Engagements jedes Mal von neuem. Zu einem Nomadentum von Spielstätte zu Spielstätte oder zu den Drehorten sind viele „Spielleute“ ohnehin gezwungen. Doch wer wirklich Talent hat, für den zählt nur die Erfüllung seines Lebenstraums.

Im Gespräch: Amelie von Godin

 

Foto: Privat/Amelie von Godin

Foto: Privat/Amelie von Godin

Sie sagen, dass der Körper anders und ausdrucksstärker erzählen kann als die reine Sprache. Was genau macht das Physical Theatre aus?
Das Physical Theatre hat seinen Ansatz im Körper. Ich habe immer viel getanzt und mich sehr für interdisziplinäre Formen von darstellender Kunst interessiert. Beispielsweise für Performance und Contemporary Dance. Dazu war es mir wichtig, in Eigenautorenschaft künstlerisch zu arbeiten.

Ihr Studium nähert sich dem Ende. Was war für Sie die wertvollste Erfahrung, die Sie machen konnten und mitnehmen werden für Ihre weitere künstlerische Arbeit?
Ich habe natürlich viel Handwerkliches gelernt, was mir in künstlerischen Prozessen die Arbeit erleichtert. Zudem habe ich eine Ausbildung in den Bereichen Tanz und Körpertheater bekommen, die an meiner Universität, zum Beispiel durch Einflüsse von Pina Bausch, in einer langen Tradition steht. Außerdem konnte ich in der gemeinsamen Arbeit auch sehr viel von meinen Kommilitonen lernen, über die unterschiedlichen Herangehensweisen ans Körpertheater.
Eine besonders wertvolle Erfahrung war mein letztes Regieprojekt, für das ich mit sieben Frauen zwischen 14 und 22 Jahren das Theaterstück „Paula“ erarbeitet habe. Obwohl ich die künstlerische Leitung des Projekts hatte, haben diese jungen Frauen mich jeden Tag aufs Neue mit ihrer Kreativität und ihren Ideen überrascht.

Neben ihrer Darstellungskunst führen nicht wenige Schauspieler auch Regie, entwickeln Dramaturgien und eigene Bühnenprojekte. Können Sie bereits sagen, in welche
Richtung Sie der Weg nach dem Studium führen wird?
Ich habe das Glück, dass wir während des Studiums schon oft die Möglichkeit hatten, in der Freien Szene oder bei Produktionen am Theater mitzuarbeiten. Ich selbst sehe mich nicht als Schauspielerin, trotzdem werde ich bei gewissen Projekten auf der Bühne stehen. Ich denke, ich werde weiterhin die Chance haben, in interessanten Teams mit unterschiedlichsten Leuten Theaterstücke und andere Bühnenarbeiten zu entwickeln.

Amelie von Godin

  • Geboren am 23. Mai 1993 in Starnberg bei München
  • 2012 Abitur am Gymnasium Starnberg
  • 2016 Beginn des Studienganges „Physical Theatre“ an der Folkwang Universität der Künste (Abschluss 2020: Artist Diploma)

Schon während ihrer frühen Schulzeit belegte sie Tanzkurse (Modern, Stepptanz, Ballett etc.) und war später am Gymnasium aktives Mitglied der Schultheatergruppe. Nach dem Abitur tanzte und lernte, arbeitete und spielte sie bei verschiedenen künstlerischen Projekten und in Workshops in München und absolvierte beim „International Munich Art Lab“ für darstellende Kunst das erste Jahr der Grundausbildung. Amelie von Godin war freiberuflich im Tanz-, Improvisations- und Actiontheater sowie als Performerin aktiv, erprobte sich als Regieassistentin und sammelte erste Bühnenerfahrungen an verschiedenen Münchner Theatern.
Weitere Infos: www.amelievongodin.de

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Foto: Pixabay
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