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„Wir müssen auch mal die Ellenbogen ausfahren“

Michaela Kaniber ist Bayerns erste Landwirtschaftsministerin. Ihre kroatischen Eltern kamen als Gastarbeiter nach Bayern, sie selbst ist hier geboren und lebt mit Mann und drei Töchtern im Berchtesgadener Land. Wir sprachen mit der 41-Jährigen über Frauenbilder, Vorurteile gegenüber den Bauern und Einkaufsgewohnheiten.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar
Fotos: Judith Schmidhuber

Fotos: Judith Schmidhuber

Nervt es, wenn Sie ständig gefragt werden, wie Sie Familie und Job unter einen Hut bekommen?
Das ist wirklich traurig, dass man das in unserer Gesellschaft nur und ausschließlich uns Frauen fragt. Ich weiß noch gut: Als ich 2013 das erste Mal für den Landtag kandidiert habe, hatte ich drei Mitbewerber, aber man wollte nur von mir wissen: „Was machen Sie jetzt mit Ihren drei Kindern?“ und „Wer kümmert sich um die Kinder?“ Dabei schwang immer ein leichter Raben-Mutter-Vorwurf mit. Aber ich kann sagen: Wenn ich das nicht mit meinem Mann, den Omas und Opas, den Kindern, der ganzen Familie geklärt und arrangiert hätte, wäre ich nicht angetreten. Aber dass es immer noch so gesehen wird, dass die Mutter die einzige ist, die sich um die Kinder kümmern kann oder sollte, ist unfair.

Das Aussehen von Politikerinnen wird auch gerne zum Thema gemacht.
Die Frankfurter Allgemeine (FAZ) hat mich mal gefragt, was ich von den Schuhen meiner Kollegin Dorothee Bär halte und wie ich es finde, dass sie immer High Heels trägt. Wie soll ich das finden? Sie mag das halt. Aber es zeigt, dass Frauen noch immer über ihr Äußeres beurteilt werden. Wenn eine besser ausschaut, heißt es schnell: „Das ist ein Püppchen, mal schauen ob sie was draufhat, ob sie kämpfen kann und Inhalte bringt“. Das macht uns Frauen das Leben in der Politik schon ein Stück weit schwerer als den Kollegen.

Sollten Frauen öfters auf den Tisch hauen?
Ja. Nur nett sein bringt einen nicht weiter, wir sollten selbstbewusster werden und auch mal die Ellenbogen ausfahren. Männer fangen zum Beispiel einfach das Reden an, wo wir Frauen uns erstmal brav melden und ums Wort bitten. Männern hört man automatisch zu, Frauen müssen sich Gehör verschaffen und die Dinge dann oft besser verpacken und erklären. Das kostet viel Kraft.

Der Umgangston in der Politik kann rau sein. Wie gehen Sie damit um? Haben Sie eine rhetorische Taktik?
Nein gar nicht. Was mir sehr geholfen hat, ist dass ich als kleines Mädchen im Gasthaus meiner Eltern aufgewachsen bin, mit Stammtischbrüdern, Kartenspielern und Vereinsleuten, da ging‘s schon mal hemdsärmelig zu. Von diesen Erfahrungen profitiere ich heute im Beruf. Ich kann deutlich werden und durchgreifen, wenn es sein muss. Aber gewinnen kann man letztlich nur mit Inhalten, nicht mit dem Tonfall.

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Die Bauernschaft gilt auch nicht gerade als sanft.
Sie kann zwar hart sein, sie hat mich aber sehr herzlich aufgenommen, obwohl sie nicht erwartet hatten, dass ich Ministerin werde. Das gestehe ich ihnen aber zu, auch ich war überrascht. Ich hatte mit Landwirtschaft ja wirklich nicht viel zu tun. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es ein sehr schlauer Schachzug vom Ministerpräsidenten Markus Söder war: Hätte er einen Biobauern berufen, wäre das Donnerwetter bei den konventionellen groß gewesen und anders herum, hätte man von ihm gesagt, er verstehe nicht, in welche Richtung es in der Branche geht. Mich sieht man nicht als Lobbyistin für die Landwirtschaft, ich werde neutraler wahrgenommen. Aber ich mache eins ganz bewusst: Ich stelle mich vor die Bauern, gerade in dieser nicht ganz leichten Zeit. Ich finde es nämlich nicht in Ordnung, wie man über sie schreibt, spricht und bestimmt.

IMG_20190206_111005Warum sind Frauen in der Politik und auf Führungsebene immer noch so unterrepräsentiert?
Wenn die Kinder noch ganz klein sind, man einen Beruf hat und sich dann auch noch politisch engagieren soll, kostet das viel Zeit und Kraft. Ich spreche da wirklich aus eigener Erfahrung. Ich kann Frauen absolut verstehen, die sich in der Situation nicht auch noch der Politik widmen wollen und können. Karriere und Beruf sind wichtig für Frauen, aber wir sind eben auch Mütter, die die Karriere erstmal opfern und der Familie den Vorrang geben – und damit den Bruch im eigenen Lebenslauf hinnehmen. Hier sind wir und auch die Wirtschaft gefragt für Flexibilität zu sorgen, Kinderbetreuung zu sichern und Frauen den Rückweg in den Beruf zu ebnen.

Was geben Sie Ihren drei Töchtern diesbezüglich mit?
Ich gebe ihnen vor allem mit, selbstständig zu werden und nie von jemandem abhängig zu sein. Beziehungen und Lebensentwürfe sind heute sehr unterschiedlich. Ich finde es deshalb wichtig für eine Frau, dass sie selbst für sich sorgen kann und auf eigenen Füßen steht.

Hat sich Ihr Leben durch das Ministeramt sehr verändert? Gibt es noch genug Privatsphäre?
Privatleben hat man eigentlich keines mehr. Ich habe immer gedacht, ich wäre schon als Abgeordnete fleißig gewesen, aber als Ministerin hat man noch viel mehr zu leisten. Arbeit rund um die Uhr, auch am Wochenende und selten ist vor Mitternacht Schluss. Im Wahlkampf bin ich beispielsweise in 265 Tagen knapp 85.000 Kilometer durch Bayern gefahren und habe rund 600 Termine absolviert – und zusätzlich in meinem Stimmkreis mehr als 100. Trotzdem freue ich mich, wenn ich an einem Samstag mal keinen Termin oder einen freien Nachmittag habe, um durch die Stadt zu bummeln und mich die Menschen ansprechen. Das gefällt mir, da spüre ich die Basis.

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Ist Ihnen Ihr Ressort „Landwirtschaft, Ernährung und Forsten“ bereits ans Herz gewachsen?
Absolut. Mein Bereich ist so breit gefächert. Da gehört tolles und gesundes Essen dazu – und ich esse für mein Leben gerne. Mir kann man keine größere Freude machen als mit selbst hergestellten Produkten. Wenn ich mir da die Arbeit der Landfrauen anschaue, einfach nur großartig! Und dass unsere bayerische Landschaft so wunderschön ist, verdanken wir den Bauern, um die ich mich kümmern darf und die Forstverwaltungen sind so wichtig für unser Ökosystem Wald. Ich bin sehr stolz auf mein Ressort.

Warum haben Landwirte in der Öffentlichkeit momentan einen schlechten Ruf?
Man hat sich weit entfernt von der Landwirtschaft. Wer befasst sich noch damit, wie ein Bauer tatsächlich arbeitet? Da werden Vermutungen angestellt und Unwahrheiten verbreitet. Neulich hat es ein Bauer mal ganz anschaulich so zusammengefasst: „Ich habe das Gefühl, morgens gehe ich in den Stall, um meine Tiere zu quälen, mittags fahre ich aufs Feld, um den Boden zu vergiften und am Abend setze ich mich ins Büro, um meine Subventionen abzurufen.“ Diese Vorurteile muss man widerlegen und darstellen, welche Leistungen die Landwirte für unsere Gesellschaft erbringen. Sie sind schließlich unsere Ernährer! Natürlich gibt es in jedem Bereich schwarze Schafe, aber wegen einzelner darf man nicht die ganze Bauernschaft in Misskredit bringen. Gerade in Sachen Umweltschutz und Artenvielfalt sind wir alle gefragt: Man kann nicht immer alles, was schiefläuft, den Bauern in die Schuhe schieben. In Bayern ist mehr als die Hälfte von ihnen bereit, mit Agrarumweltmaßnahmen freiwillig einen Beitrag zu leisten, 360.000 Hektar werden jetzt schon ökologisch bewirtschaftet. Und wir werden das Tierwohl und den Landschaftsschutz weiter ausbauen.

Kaufen Sie selbst anders ein, seitdem Sie Landwirtschaftsministerin sind?
Ja, mein Blick hat sich geschärft. Dabei habe ich vorher auch schon bewusst eingekauft, Wurst und Fleisch gibt’s beispielsweise nur von örtlichen Metzgern. Was mir am Herzen liegt: Bio ist zwar gut, aber man muss auch schauen, wo es herkommt. In Plastik verpackte Bio-Kartoffeln aus Ägypten sind nicht nachhaltig oder umweltbewusst. Deswegen lege ich genauso großen Wert auf regionale Produkte, die man bei uns in Bayern unter anderem am Rauten-Label „Geprüfte Qualität Bayern“ oder am bayerischen Bio-Siegel erkennt.

Verändert sich beim Verbraucher was?
Ja, aber es geht immer noch viel um den Preis. Hier muss auch der Handel umdenken: Lebensmittel verramscht man nicht. Und Mineralwasser darf nicht mehr kosten als Milch. Ich glaube an die Verbraucher der Zukunft. Ich sehe das bei meinen Kindern und Nichten und Neffen, die machen sich viel mehr Gedanken über das, was sie einkaufen und essen. Und das ist gut so.

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