beitragsbild_reise

Kamtschatka: Natur pur

Kam… wie bitte? Kam-tschat-ka? Die Halbinsel ganz im Osten Sibiriens klingt nicht gerade nach Urlaub. Wer sich die Mühe macht, auf der Karte nachzuschauen, kommt zu dem Schluss, dass Kamtschatka am Ende der Welt liegen müsse. Und auf jeden Fall eine Reise wert ist.
Ein Artikel von Peter Bernhaupt

And now hold on!“, schreit Igor. Aber es hätte keiner Warnung bedurft. Man drückt sich ganz automatisch mit den Beinen gegen das Bodenblech und versucht sich mit den Händen an den Sitzen oder Türen festzuklammern. Krachend schiebt sich der Landcruiser durch das Ufergeröll. Dann spritzt eine Bugwelle über die Windschutzscheibe und die Hauptströmung des Flusses erfasst den Wagen. Ganz leicht beginnt der Wagen zu driften. Aber Igor lacht. Er kennt den Fluss und er kennt seinen Wagen. Er ist nicht nur Fahrer, sondern auch Bergführer. Seine hauptamtliche Tätigkeit ist es, die Berg- und Seerettung in diesem riesigen Land zu koordinieren. Dann sind es nur mehr ein paar Meter und der Wagen steigt langsam aus dem Wasser. Schon folgt die nächste Flussdurchquerung. Manchmal ist die Straße das Flussbett, manchmal das Flussbett die Straße.

Mit 370.000 Quadratkilometern ist Kamtschatka die größte Halbinsel Ostasiens. Dennoch leben hier nur rund 360.000 Einwohner, mehr als die Hälfte davon in der Hauptstadt Petropawlowks-Kamtschatski. Kamtschatka ist erst seit 1990 für Touristen zugänglich. Zuvor war das Gebiet militärisches Sperrgebiet und auch für Russen selbst nur mit Sondergenehmigung passierbar. Und auch heute verirren sich lediglich wenige Tausend Touristen im Jahr hierher. Die unwegsame Natur macht das Land schwer passierbar. Dafür ist das Angebot, das die Natur hier bietet, kaum zu übertreffen.

So entdeckt man zum Beispiel oftmals ganz zufällig am Straßenrand die Spur eines kleinen Bären. Wobei jedoch eines sicher ist: Ein kleiner Bär geht nie ohne große Bärin spazieren. Und schon schaut die Bärin auf den Hinterpfoten stehend herüber. Dann senkt sich ihre Gestalt und sucht weiter Nahrung in den Heidelbeerstauden. Die Kamtschatka-Braunbären halten Ausschau nach Nahrung. Und die gibt es hier am Kurilensee, fast an der Südspitze der tausendzweihundert Kilometer langen Halbinsel, sozusagen im Überfluss. Eine Bärin wendet sich ihrer Nahrung zu, während zwei Bärenjunge um sie herum tollen. Für einen Moment könnte man vergessen, dass man einem gefährlichen Raubtier gegenübersteht; so friedlich wirkt die Szenerie und so munter und süß spielen die Kleinen. Doch der Schein trügt.

Bis über sechshundert Kilo und fast drei Meter hoch kann ein männliches Prachtexemplar werden. Damit ist der Kamtschatka-Braunbär größer als der Grizzly, aber etwas kleiner als der Kodiak-Bär. Hier am Kurilensee warten an allen Flussmündungen mehrere Bären auf die Lachse, die zum Ablaichen in die Gewässer ihrer Geburt ziehen. Das Nahrungsangebot könnte besser nicht sein: Fünf Millionen Lachse werden von den Biologen jährlich gezählt. Die Bären leben für kurze Zeit im Schlaraffenland. Sie fressen sich voll für einen langen, kalten Winter.

kamtschatka_IMG_2205
kamtschatka_IMG_0727
kamtschatka_IMG_0680
kamtschatka_IMG_0145
kamtschatka_IMG_1521
kamtschatka_IMG_1281
Fotos: Peter Bernhaupt

Der eigentliche Sommer ist kurz. Mitte Juni beginnt es, wärmer zu werden, doch schon Anfang September zieht der Herbst in Land. Selbst im August reichen die Schneezungen auf siebenhundert Meter Seehöhe herab. Die Blumen, Sträucher und Bäume nützen die kurze Vegetationszeit und blühen fast gleichzeitig. Weite, orangenrot blühende Wiesen voller Zarenlockenlilien prägen die einmalige Naturlandschaft, die sonst nur noch in geschützten Nationalparks zu sehen ist.

Kamtschatka ist ein wahrer Geheimtipp für naturnahen Tourismus. Außerdem bietet die Halbinsel nach dem Yellowstone Nationalpark die weltweit zweitgrößte Konzentration an geologischen Phänomenen. Rund 90 Geysire, ungezählte heiße Quellen und zahllose Naturschauspiele prägen Kamtschatka.

Eine dieser erlesenen, natürlichen Sehenswürdigkeiten ist der Vulkan Avacinskij, nur einer von 130 Vulkanen, die sich im östlichen Gebirgszug der Halbinsel aneinanderreihen. Dreißig gelten als aktiv, sechs sind aktuell in der Ausbruchsphase, produzieren also Lava oder Asche – oder beides gemeinsam. Diese Kette der Vulkane gehört zum Pazifischen Feuerring, der sich von Feuerland über Mittel- und Nordamerika, die Aleuten und Kamtschatka sowie Japan und die Philippinen bis Neuseeland erstreckt.

Über den lang gezogenen Rücken des Vulkans steigt man höher und höher, über hart gefrorene Schneefelder. Bis zum letzten mühevollen Anstieg: Die letzten fünfhundert Höhenmeter bestehen aus einer steilen, kaminrot gefärbten „Kokshalde“. Hier haben die verschiedenen Lava- und Aschenmaterialien keinerlei Bindung untereinander. Das in Bergsteigerkreisen bekannte Phänomen von „drei Schritte vor und zwei zurück“ wird hier zur anstrengenden Wirklichkeit. Aber ein herrlicher Rundblick entschädigt für alle Anstrengungen. Im Osten glänzt silbern der Pazifik. Weiter draußen und im Dunst nur zu erahnen die Beringsee. Diese ist benannt nach dem dänischen Forscher Bering, der im 18. Jahrhundert im Auftrag von Zar Peter dem Großen eine erste, fünf Jahre dauernde Expedition leitete.

Der Blick geht über den Gipfel. Aber wo sich der Krater befinden sollte, ist nur dunkle, erstarrte Lava zu sehen. Dieser Pfropfen macht es späteren Magmamassen fast unmöglich auszutreten. Aus einem gut hundert Meter langen Riss seitlich des Kraterrands treten schwefelige Dämpfe aus und steigen weit in den blauen Himmel. Wenn der Druck des Magmas zu groß wird, könnte eine gewaltige Explosion den ganzen Gipfel wegsprengen. Und die Hauptstadt Petropawlowks-Kamtschatski ist keine 50 Kilometer entfernt.

Diese Hauptstadt: Sie zeigt sich heute weltoffen, verströmt einen gewissen Charme. In modernen Cafés treffen sich Jung und Alt, Stadtbewohner und Touristen. Die Straßen sind sauber und die Gartenanlagen sehr gepflegt. Freilich hat die Stadtentwicklung der Sowjetzeit Spuren hinterlassen. Neben den unvermeidlichen Wohnsilos aus Betonplatten stehen moderne Hochhäuser mit blinkenden Glasfassaden. Ein paar alte Holzbauten aus der Pionierzeit ducken sich verschämt darunter – und verfallen langsam. Für ihre Erhaltung fehlt das Geld. Heute lebt hier ein buntes Volk aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion. So wie das Mädchen aus der Ukraine, das hier Arbeit in der Fischfabrik gefunden hat – und ihren Marineoffizier. Beide sind heute Großeltern. Aber nicht alle ihre Enkelkinder werden in Kamtschatka bleiben können. Heute steigt die Arbeitslosigkeit und die Löhne sinken. Gut zweihunderttausend Menschen wohnen im Großraum dieser Stadt. Die restlichen zweihunderttausend Einwohner Kamtschatkas verteilen sich auf ein Gebiet, das fast fünfmal so groß ist wie Österreich. Im Norden des Landes leben noch einige wenige Stämme der Ureinwohner. Ewenken und Itelmenen, Korjaken und andere Volksgruppen halten noch an den Bräuchen der Vorfahren fest – soweit das im Zeitalter von Handy, Computer und Fernseher noch möglich ist. Ekstatisch und schön sind die Tänze die Touristen zum Beispiel in Esso, einer kleinen Stadt im Norden, miterleben dürfen. Tausende Kilometer und elf Zeitzonen muss man überwinden, um dieses schöne, scheinbar letzte unberührte Naturparadies zu erreichen. Die Reise ans Ende der Welt ist mühsam, aber sie lohnt sich.

Alle Beiträge aus Reise


Facebook Icon