Kameramänner fürs Limit

Kameramänner fürs Limit

Sie hängen hunderte von Metern über Abgründen, schlagen sich durch dichten Urwald, trotzen am Südpol der Eiseskälte, immer auf der Suche nach den spektakulärsten Bildeinstellungen. Max Reichel und Franz Hinterbrandner sind Kameramänner der extremen Sorte.
 Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Die Basisstation von Max Reichel und Franz Hinterbrandner liegt oben, im Dachgeschoss einer altehrwürdigen Bad Reichenhaller Jugendstilvilla. An den Wänden hängen etliche Expeditionsplakate und haufenweise Fotos. Im Flur stehen unterschiedlich große Drohnen für Luftbildaufnahmen. Und eine Personenwaage. Die ist nicht für die Jungs, sondern für ihre Ausrüstungen, für all die Kameras, Stative, Scheinwerfer, Apparate und Geräte. In ihrem Job kommt es oft auf jedes Gramm an. „Manchmal stellt sich aber auch Max drauf“, verrät Franz Hinterbrandner grinsend über seinen Kollegen, der gerade für Dreharbeiten in
Pakistan ist.

Max (37) und Franz (38) sind Freunde seit dem Teenager-alter. Erst spielten sie im selben Tennisverein, dann fuhren sie Snowboard, dann begannen sie mit dem Klettern. Beim Sichern in der Halle hat Max seinen Kameraden gleich mal fallen lassen, passiert ist zum Glück nichts. Außer dass die beiden immer besser wurden und sich bis in den 10. Schwierigkeitsgrad kletterten. Sie lernten die „Huberbuam“-Profis Alexander und Thomas kennen. „Für die Profikletterei waren wir allerdings zu schlecht. Aber das Draußensein war unsers, wir mussten uns also was einfallen lassen, um damit Geld zu verdienen“, erzählt Franz im Interview. Weil beide schon immer hobbymäßig fotografierten und filmten, lag die Lösung nah. Sie legten mit kleinen Produktionsaufträgen los, stets ging’s ums Klettern.

Arbeitsplatz mit Luft nach unten

Wir sitzen am großen Ecktisch im Timeline Production-Büro. Mittlerweile sind 15 Jahre vergangen und Max und Franz sind mehr als Sportsfreunde, sie sind Geschäftspartner. Ihre Firma ist zur festen Größe in der Filmbranche geworden. Sie gelten als Spezialisten für Extremes. Die Aufträge reichen heute von Dokumentationen über Spielfilme bis hin zu Kino- und TV-Werbung.

Zum Durchbruch verhalfen ihnen ihre berühmten Kletterspezln, die Huberbuam. Erst dokumentierten Max und Franz deren Abenteuer und Expeditionen, dann drehten sie im Auftrag des Bayerischen Fernsehens einen Beitrag über die Kletter-Brüder und wirkten schließlich als Kameramänner beim preisdotierten Kinofilm „Am Limit“ mit. Im Fokus des Streifens steht die Beziehung zwischen Alexander und Thomas und ihre Speedbegehung an der 1.000 Meter hohen Wand „The Nose“ im amerikanischen Yosemite Valley.

Regie führte damals Oscar-Preisträger Pepe Danquart. Er gab die Messlatte vor, suchte visuelle Visionäre, die sich in einer senkrecht abfallenden Felswand absolut zu Hause fühlen. Die bei stundenlanger Sonneneinstrahlung und heftigen Windböen Höchstleistungen vollbringen können. Die mit ihrem gesamten Equipment auch in 600 Meter Höhe und frei am Seil hängend Filmeinstellungen zustande bringen, die man sonst nur von Fotos kennt. Danquarts Wahl fiel auf Max und Franz.

Eiseskälte, Giftschlangen und Kletterhöhlen

„Ans Limit zu gehen ist unser Markenzeichen geworden“, sagt Franz Hinterbrandner. „Schließlich ist es für Produzenten enorm wichtig zu wissen, dass sie die Bilder bekommen, die sie sich erwarten, vor allem wenn es um große Expeditionen und viel Geld geht. Max und ich kommen garantiert immer mit Material zurück. Wir arbeiten in kleinen Teams und wir können alles abdecken, von der kompletten Logistik bis hin zur Regie“.

Ihre Aufträge führen das Kamera-Duo quer über den Globus. USA, Kanada, Peru, Indien, auf die Arabische Halbinsel. Für die ZDF-Produktion „Wettlauf zum Südpol“ begleiteten sie ein deutsches und ein österreichisches Expeditionsteam ans südlichste Ende der Welt. Bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad liefen Max und Franz rund 400 Kilometer zu Fuß, zogen Ausrüstung und Proviant auf Schlitten hinter sich her, bauten jeden Abend ihr Zelt in Eis und Schnee auf. In Grönland filmte Franz Alexander Huber und den Musiker Hubert von Goisern. Es gab Unmengen Neuschnee und zum Ausgangspunkt eines unbestiegenen Gipfels kamen sie erst nach tagelanger Hundeschlittenfahrt.

In Venezuela zehrte wochenlanger, 24-stündiger Dauerregen an Ausrüstung, Filmcrew und Expeditionsgruppe rund um Stefan Glowacz. Die Mission: Drei Kletterer wollen mitten im Dschungel eine Felswand bezwingen. Der Timeline-Auftrag: Einen Kinofilm draus machen. Der Titel „Jäger des Augenblicks“. Weil es keinen Weg zum Berg gab, musste der mit Macheten erst in den dichten Regenwald geschlagen werden. 500 Kilogramm Ausrüstung wurde auf Träger verteilt. „Wenn man nachts aufs Klo musste, hat man überall ums Lager herum die Bushmaster, eine Giftschlange, fiepen hören. Im Urwald ist es immer laut“, erinnert sich Franz.

„Ich habe immer Heimweh“

Am liebsten sind Franz und Max gemeinsam für einen Auftrag unterwegs. Auf Expedition – auch wenn das für beide Familienväter bedeutet, mehrere Wochen unterwegs zu sein – oder vermehrt in den heimischen Alpen. „Wir sind ein absolut eingespieltes Team. Wir drehen jede Szene mit zwei Kameras, ohne uns großartig absprechen zu müssen“, sagt Franz, dem nichts extrem genug sein kann. „Einen Film zu machen ist ein ähnlicher Reiz wie den Berg zu bezwingen.“ Max ist da eher der Stratege, der alle Fäden zusammenführt. Beide machen ihren Job immer noch mit viel Leidenschaft. Auf abendlicher Skitour in die unendliche Stille Grönlands einzutauchen oder von einem sicheren Biwakplatz in einer überhängenden Wand dem Gewitter zuschauen, sind Momente, die alle Strapazen locker wettmachen. „Vielleicht ist es von Vorteil, dass es für uns wie ein Spiel ist“, überlegt Franz. Jüngst haben sie ein Porträt über die Bergsteigerlegende Peter Habeler gemacht und sind mit Heinz Zack durch den Karwendel gezogen. „Max und ich haben beide Frau und Kinder und da ist man gerne mal weniger weit weg“, sagt Franz, der privat die Kamera im Kasten lässt und gerne einfach nur baden geht. Er gesteht: „Egal wohin, spätestens nach drei Tagen bekomme ich sowieso immer Heimweh.“

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