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Jung, wild & kreativ

Ob Schiff oder Schienenbus: das einzigartige Kulturprojekt BAHNWÄRTER THIEL liebt es mobil und sprüht vor Ideen und Courage.
Ein Artikel von Nicola Seipp

Fährt man durch München und begegnet einem schleichenden Schwertransport oder imposanten Riesenkran mit nicht weniger als einem alten Schiffsdampfer oder Eisenbahnwaggon am Haken, traut man zwar zuerst seinen Augen nicht, hat aber keineswegs eine Begegnung der dritten Art. Auch auf den zweiten Blick mag man zuerst kaum glauben, was da zu sehen ist: ausrangierte Transportmittel, mit vielen Jahren und Kilometern auf Schienen oder Wasser auf dem Buckel, die gerade an einen neuen Standort umgesetzt werden.
Eines ist dann aber eigentlich ziemlich sicher – da stecken der junge Kulturveranstalter Daniel Hahn und sein Team dahinter, die Kreativen, die hinter dem Bahnwärter Thiel stehen, und mit Leidenschaft, Engagement und Einsatz, sprühenden Ideen – und vor allem Courage – viel für die junge Kultur in München leisten und beitragen.

Unglaubliches Kulturprojekt – ein Dampfer geht auf Brücke vor Anker
Denn wo gibt es das schon? Ein Schiff, das auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke im Schlachthofviertel vor Anker geht und dort seinen Lebensabend verbringt. Nicht in Berlin und nicht in Hamburg, sondern in München. Vorangebracht hat dieses unglaubliche Projekt, den Erwerb und aufwändigen Transport des ausgemusterten Dampfers vom Ammersee auf die Brücke, der 26-jährige, im Stadtteil Sendling aufgewachsene Daniel Hahn, unterstützt dabei unter anderem von der Stadt München und „einem tollen Team sowie begnadetem Statiker“. Bald soll es soweit sein und das ehemalige Ausflugsschiff MS Utting, das mehr als fünf Jahrzehnte über den Ammersee schiffte, wird seine Gäste mit „gutem, gesunden Essen, kleineren Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und Kabarett“ verwöhnen, erzählt Hahn. Heute heißt der Dampfer „alte Utting“, ist 68 Jahre alt, aber immer noch knapp 40 Meter lang, 7,5 Meter breit und weit über einhundert Tonnen schwer. „Momentan sind wir noch mit Renovieren beschäftigt und fleißig am Arbeiten, es gibt unglaublich viele Dinge, an die man denken muss“, sagt Hahn. „Man muss dabei natürlich auch viele Gesetze und Vorschriften beachten, aber es läuft alles ganz gut“, zeigt sich Hahn zuversichtlich und hofft, schon im Sommer dort Kulturevents veranstalten zu können.

Neue Kultstätte in Sendling
Und auch die neue Spielstätte sieht jetzt schon schwer nach einer weiteren Kultstätte aus, hier in der Lagerhausstraße in Sendling, gleich um die Ecke des Viehhof-Areals, auf dem das mobile Kulturprojekt Bahnwärter Thiel hinter hohen Graffiti-Wänden und Containerbergen seit nun zwei Jahren mit kreativer Subkultur Furore macht und die Münchner Szene mit Musik, Konzerten, Club- und Tanznächten, Workshops, Comedy und Ausstellungen bereichert. Das Kulturprojekt ist 2015 auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen Großviehhalle entstanden, fernab der eleganten Oper, Museen und Theater, und versteht sich als unabhängiger Kulturveranstaltungsort.

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Sommerresidenz im Kunstareal in Kooperation mit der Filmhochschule
Im Sommer jedoch zieht die mobile Kreativplattform wieder vom Viehhof ins Kunstareal um. Da findet der ausrangierte und 1952 „geborene“ Bahnwaggon des Kulturprojekts Bahnwärter Thiel – quasi der drei Jahre jüngere Bruder der „alten Utting“ –  seine Sommerresidenz bis Mitte Oktober auf der großen Wiese vor der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF). „Wenn der Waggon in den Sommermonaten vor die HFF zieht, ist das eine eigene besondere Aktion, der wir deshalb auch einen eigenen Namen gegeben haben“, erklärt Hahn. „MINNA THIEL ist in der Hauptmann-Novelle BAHNWÄRTER THIEL die verstorbene Frau der Hauptfigur und steht für Halt, bedingungslose Liebe und ist ein Zufluchtsort. Das wollen wir für unsere Besucher im Kunstareal auch sein – ob sie nun wegen unserer Kulturangebote in Kooperation mit der HFF München oder auf ein Getränk nach einem Besuch in einem der umliegenden Museen kommen.“ Neben dem normalen Barbetrieb wird es auch hier wieder die beliebten Schienenbus-Konzerte, Lesungen und DJ-Abende geben. Der Schienenbus ist ein echter Münchner, vor 65 Jahren hier gefertigt, und noch so gut wie im Originalzustand, selbst die Schilder der ehemals ausführenden Handwerksbetriebe sind noch angeschraubt. Es gibt drinnen eine kleine Bar und auf den originalen Sitzbänken finden etwa 40 Personen Platz. Sogar die damals serienmäßig eingebauten Toilettenkabinen sind in der Mitte des Waggons noch vorhanden.

Filmscreening, Konzerte und Lese Café
Im vergangenen Jahr hatten Regisseurin, Autorin und HFF-Professorin Doris Dörrie, sowie die HFF-Präsidentin Professor Bettina Reitz den BAHNWÄRTER-Macher Daniel Hahn mit seinem Bahnwaggon erstmals auf die Grünfläche vor der Filmhochschule eingeladen, weil seine Stellfläche auf dem Viehhof-Gelände in München zeitlich auf die Wintermonate begrenzt ist. Eine Kooperation, die gut ankommt. „Unsere Studierenden haben schon im letzten Jahr ein tolles Programm im BAHNWÄRTER auf die Beine gestellt – vom Filmscreening mit anschließendem Filmgespräch über Lesungen bis zu weiteren interaktiven Kulturformaten, auch in Kooperation mit den benachbarten Häusern und Institutionen. Das wollen wir in diesem Sommer im PROJEKT MINNA THIEL fortsetzen“, erklärt Doris Dörrie.     

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