film_beitrag

Filmstadt München

Rote Teppiche, große Kinos – und ein weltberühmtes Filmstudio
Ein Artikel von Wolfram Seipp

Der überaus menschenscheue Schriftsteller Jakob Windisch hatte einst den Bestseller „Loreley“ geschrieben. Und der muss einfach verfilmt werden. Meinen der Münchner Regisseur Uhu Zigeuner und Produzent Oskar Reiter. Also im Film. Grund genug für die beiden Großen und Wichtigen der Filmszene, sich im schillernden Schwabinger Promirestaurant „Rossini“ zur Krisensitzung zu treffen. Sie wollen den Roman unbedingt auf die ganz große Leinwand bringen, doch der Autor sträubt sich vehement. Während sie reden, essen und trinken, strömen bereits mehr oder minder begabte Münchner Starlets und Blondinen in das Lokal, um die begehrte Hauptrolle der „Loreley“ zu ergattern. So gibt es das Drehbuch vor. Die Verwicklungen nehmen ihren turbulenten Lauf…
Helmut Dietls Filmkomödie „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“, mit der er die berühmt-berüchtigte Münchner Filmszene scharfsinnig aufs Korn nimmt, wurde 1997 zum absoluten Kinohit des Jahres. Viele Darsteller der erfolgreichen Medien- und Gesellschaftssatire gehören selbst zur Münchner Filmszene. Und das Restaurant gab es übrigens auch wirklich, nur der Name war ein anderer.

Fotolia_141262088_Subscription_Monthly_VMünchen ist Film
Tatsächlich sind in Schwabing – unter anderem mit der von Erfolgsproduzent Bernd Eichinger gegründeten Constantin Film – einige der erfolgreichsten deutschen Filmproduktionen ansässig. Auch der legendäre Kamerahersteller ARRI hat seinen Firmensitz mitten in Schwabing, viele oscarprämierte Filme sind mit bewährter ARRI-Technik entstanden. Im gleichen Haus befindet sich auch seit Jahrzehnten das ARRI-Kino, ein beliebter Ort während des Münchner Filmfestes, das jedes Jahr im Juni wieder alles, was Rang und Namen in der Filmbranche hat, in die bayerische Landeshauptstadt zieht. Folgt man der Türkenstraße Richtung Innenstadt, trifft man inmitten des Münchner Museumsareals auf das imposante neue Gebäude der Münchner Filmhochschule (HFF), an der Oscar-Regisseure wie Wim Wenders, Roland Emmerich, Doris Dörrie, Caroline Link oder Florian Henckel von Donnersmarck studierten und ihre ersten Werke realisierten. Oft übrigens mit Schauspielschülern der 1946 gegründeten, renommierten Otto-Falckenberg-Schule. München ist Film. Und immer wieder reißt sich die Filmschickeria um die begehrten Karten für den glanzvollen Deutschen Filmball, der im kommenden Januar 2018 bereits zum 45. Mal von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft im Luxushotel Bayerischer Hof veranstaltet wird. Es ist zwar wichtig, auf dem roten Teppich gesehen zu werden, richtig wichtig ist es aber, an wessen wichtigem Tisch man sitzen darf. Nicht wenige bedeutungsvolle Deals werden halt hier eingefädelt.

Foto: Bavaria Filmstadt

Foto: Bavaria Filmstadt

Filmstudio mit großer Geschichte
Doch eigentlich spielt die große Welt des Films nicht in Schwabing, sondern vor den Toren Münchens: auf dem riesigen, 30 Hektar großen Gelände der „Bavaria“, im Grün-walder Ortsteil Geiselgasteig. 1919 wurden die Filmstudios bereits gegründet, in zwei Jahren können sie ihr 100. Jubiläum feiern. Nur einige Jahre nach Gründung der ältesten Atelier- Filmstudios der Welt, dem Berliner „Studio Babelsberg“.
Die größten Namen der Filmgeschichte haben an der Isar an ihren Filmen gearbeitet: Alfred Hitchcock, Billy Wilder, Ingmar Bergman, Stanley Kubrick, Orson Welles, deutsche Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Wolfgang Petersen, Wim Wenders oder Tom Tykwer. Sie alle haben in den Bavaria Filmstudios mit legendären Leinwandstars ihre internationalen, mit zahl-reichen Oscars bedachten, Kinohits gedreht. Sophia Loren, Heinz Rühmann, Steve McQueen oder Elizabeth Taylor sind nur einige große Namen, die dort vor der Kamera standen. Und die während der Dreh-arbeiten mit großer Entourage in Münchner Hotels logierten, Restaurants einkehrten, Bars feierten – und Glanz, Geschichten und Spuren hinterließen. Es sei denn sie wurden gerade zum Wasserskifahren an den Starnberger See gefahren, eine Beschäftigung, die besonders Steve McQueen ausgiebig genossen hat.
Die unterschiedlichsten Welten, die Kinobesucher weltweit in ihren Bann zogen, wurden in den Filmstudios realisiert. Auf einer spannenden geführten Tour durch die Studios kann man einen Blick hinter die Kulissen werfen, und sich in Workshops sogar selbst als Filmemacher ausprobieren. Nicht selten findet man sich dort in der ein oder anderen bekannten Filmszene wieder. Früher wurde auf den Schultern des Glücksdrachen „Fuchur“ aus der „Unendlichen Geschichte“ geritten, das gallische Dorf von Asterix und Obelix besucht oder man konnte hautnah die beklemmende Enge im originalen U-Boot aus Wolfgang Petersens Verfilmung „Das Boot“ erfahren.

Foto: Sergio J Lievano - fotolia.com

Foto: Sergio J Lievano – fotolia.com

„Der König von St. Pauli“ und „Fack ju Göhte“
Heute stehen die Sets, riesige Studiohallen und Dreh-villen aktueller Kinohits im Fokus der Neugierde. Ende Oktober startete der dritte Teil der lachmuskelstrapazierenden Komödie „Fack ju Göhte“ mit Elyas M’Barek. In den Bavaria Studios können Besucher in die aktuelle Klassenzimmer-Kulisse der Chaotenklasse 10b mit allen authentischen Ausstattungsdetails ein-tauchen. Ein Besucher-Hit. Und seit Ostern 2017 können auch die Original-Dekorationen aus der Realverfilmung des Buchklassikers „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende bestaunt werden – und das weit vor dem Kinostart im März 2018.
Ein Publikumsmagnet auf dem Bavaria-Gelände ist auch das „Bullyversum“, in dem man eine Zeitreise mit zahlreichen Originalexponaten durch Michael „Bully“ Herbigs Kinoerfolge wie „Der Schuh des Manitu“ oder „(T)Raumschiff Surprise“ antreten und an interaktiven Shows teilnehmen kann. Auf der Tour durch die Studios können die Besucher neue Dimensionen der Filmtechnik, wie das Erlebniskino 4D oder die virtuelle Welt der „Special Effects“, kennenlernen. Besonders beliebt sind die packenden Shows mit gewagten „Stunts“, bei denen sich Besucher verwundert die Augen reiben, wie die Akteure ohne Blessuren davonkommen.
Die Bavaria Filmstudios haben aber nicht nur Filmgeschichte geschrieben, sondern auch Fernsehgeschichte. In den 1960er-Jahren entwickelte sich die „Bavaria Film“ mit Fernsehfilmen, -serien und Shows zum größten deutschen TV-Lieferanten. Frühe Publikumserfolge waren die „Marika Rökk Show“ oder die Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille“ mit Dietmar Schönherr. Legendäre Tatort-Folgen mit Horst Schimanski, „Der König von St. Pauli“ oder „Berlin Alexanderplatz“ von Rainer Werner Fassbinder wurden in der Bavaria realisiert. Langlaufende Serien wie „Der Fahnder“, „Rote Erde“, „Sturm der Liebe“ oder „Marienhof“ mit über 4000 Episoden fanden in der Bavaria ihre Heimat und sicherten laufende Einnahmen. Hinzu kamen Publikum-Shows wie die Kinder-Show „1, 2 oder 3“ oder – aktuell – die José Carreras Gala 2017.
Für Erwachsene ist eine Tour durch die Bavaria Filmstudios eine Reise in die eigene „Fernseh-Vergangenheit“ – für Kinder eine aufregende Begegnung mit ihren heutigen Helden auf der Leinwand.

Bavaria Filmstudios
Fotos: Bavaria Filmstadt; Filmstreifen: klesign – fotolia.com; leeres Filmset: peshkov – fotolia.com; Kameramann: guruXOX – fotolia.com
Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon