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Alles Strom – Der E-Auto-Boom

Die Elektrifizierung der Mobilität ist nicht erst seit der IAA ein Anliegen nahezu aller Hersteller. Da die Neuzulassungen bislang eine „Quantité négligable“ sind, die Politik aber massiv auf eine Umstellung der Mobilität drängt, bleibt dennoch die Frage unbeantwortet, ob sich Elektroautos tatsächlich in großem Stil umweltverträglich bauen (und entsorgen) lassen, aber auch, ob dieser Weg der richtige ist. Tatsache ist jedenfalls, dass viele Erzeuger jede Menge neuer Elektro-Modelle auf den Markt bringen.
Ein Artikel von René Herndl

Viele Premiumhersteller Deutschlands, also BMW, Audi, Mercedes, aber auch Porsche und VW betrachten es als Prestigefrage, auch in diesem Markt vorne dabei zu sein. Der Durchbruch der Elektromobilität hängt jedoch auch von der Lade-Infrastruktur und deren Ausbau ab. Und über den zu erwartenden Mehr-Verbrauch an Strom und dessen Bereitstellung sowie die Umweltbelastung durch Batterien wäre ebenfalls (mehr) Aufklärung nötig.
Nach BMW, die mit dem i3, der nun mit neuen Hochvoltbatterien nochmals die Speicherkapazität erhöht hat und damit eine größerer Reichweite auf bis zu 260 Kilometer unter Alltagsbedingungen hat, bahnbrechend waren, setzen die Bayern neben dem teilelektrischen i8 demnächst auf weitere Elektrifizierung: Die Hybridisierung der X-Reihe läuft auf vollen Touren und den Mini gibt es auch schon rein elektrisch. Der i3 dagegen wird als Modell dennoch demnächst aus dem Programm gestrichen.
Manche Hersteller bringen neue Versionen ihrer bestehenden E-Autos (Kia e-Niro, Renault Zoe II, Nissan rüstet den Leaf auf), andere hybridisieren etliche Modelle. Der „Boom“ hat zusätzlich einen einfachen Hintergrund: Ab kommendem Jahr gelten für die Autobauer strengere Abgasnormen: Der Flottenschnitt (CO2 pro Kilometer) darf dann im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm betragen. Diese Werte erreicht man nur mit einem hohen Anteil an Elektro- bzw. Hybridfahrzeugen. Ab 2030 werden die Abgasnormen noch einmal verschärft. Dann gelten rund 60 Gramm CO2 pro Kilometer. Dem tragen auch Mercedes und VW Rechnung, etwa durch die rein elektrischen Modelle, also den ID 3 beziehungsweise den e-SUV EQC, die am Beginn einer ganzen Reihe neuer E-Autos stehen.

Umweltprämie / Förderungen?
Allerdings ist noch nicht ganz klar, wie sich die politische Förderung bei der Anschaffung von e-Mobilen auswirken wird, auch wenn mancherorts der Umwelt durch Kauf-Prämien geholfen werden soll. Dennoch bleibt das Model 3 des E-Auto-Pioniers Tesla keine „Billigversion“, obwohl versprochen wird, dass bald eine kostengünstigere Version nachgeschoben wird. Renault, Nissan, Kia oder auch Hyundai e-Modelle sind auch keine Schnäppchen und der VW ID 3 wird in Golfgröße und einer doch respektablen Reichweite von mehr als 300 Kilometern, den Preis rund 30.000 Euro wohl locker erreichen. Massentauglichkeit? Keine Spur! Bleibt die Hoffnung auf mehr preiswerte E-Mobile zu unter 20.000 Euro, wie z.B. der e-Up von VW.

Fotos: Hersteller

Die neue e-Elite
Der neue Audi e-tron ist ein Großserien-Oberklasse-SUV mit Allradantrieb, also ganz im Audi-Stil. Mit einer Reichweite von bis zu 400 Kilometern ist er zudem auch noch alltagstauglich. Selbst das Problem, das andere Autos dieser Größe haben – das Laden nämlich –, hat er im Griff. Nachteil: Das hohe Gewicht von zweieinhalb Tonnen, das die Agilität abseits der Autobahn beeinträchtigt. Allerdings bietet der Audi eine bessere Rekuperation (Rückgewinnung der Energie in die Batterie beim Bremsen) als die Mehrheit der Konkurrenz. Und auch der brandneue, pur-elektrische Porsche Taycan weist satte Leistungsdaten auf – typisch Porsche eben –, was jedoch die grundsätzliche Problematik der Reichweite bei Ausschöpfen des Leistungspotenzials nicht löst.
Und da macht noch ein E-Car Furore: 480 Kilometer Reichweite, Fahrgefühl wie in einem sogar richtig sportlichen Auto, hohe Qualitätsanmutung: Mit dem I-Pace legt Jaguar eine Punktlandung hin. Das kann auch Tesla nicht besser oder gar preiswerter! Nämlich auch beim Fahren. Der I-Pace ist sogar rennstreckentauglich, samt 400 PS und sehr feinen Fahrleistungen.
Seit Mitte 2019 hat auch Mercedes (nach der Stadt-Kugel Smart EQ) sein erstes rein elektrisches Fahrzeug in den Schaufenstern stehen und weitere Modelle stehen in den Startlöchern, auch als Hybride. Das Design ist markentypisch und in puncto Qualität, Sicherheit und Komfort will der EQC mit der Summe seiner Eigenschaften überzeugen. Die Fahrdynamik verdankt der E-Mercedes zwei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse mit zusammen 300 kW Leistung und einer theoretischen Reichweite von rund 450 Kilometern. Aber auch die kleinen A-Modelle können schon hybrid-elektrisch, was zurzeit vernünftiger scheint als die Vollelektrischen.

Die Hybridwelle
Die Hybridisierungswelle schwappt natürlich in alle Richtungen und Länder, wie etwa beim Range Rover Sport P400e zu beobachten, in dem ein 2,0-Liter-Benzinmotor mit 300 PS (221 kW) gemeinsam mit einem Elektromotor mit 116 PS (85 kW) seinen Dienst versieht. Die Kombination funktioniert ausgezeichnet und lässt den weder kleinen noch leichten Range Rover Sport nie untermotorisiert erscheinen. Die beiden Motoren haben eine Systemleistung von 404 PS mit einem beeindruckenden Drehmoment von 640 Newtonmetern. Jedenfalls sind allerorten neue Hybride zu sehen, die mit unterschiedlichen Konzepten den Benzin-, also Normverbrauch senken, von BMW über Honda bis Porsche.
Von Nissan sind zwei spannende Studien zu vermelden. Bei der Kernmarke selbst wäre dies die Hochbaulimousine IMs Concept, ein Elektromobil mit 483 PS und 800 Nm sowie 610 Kilometern Normreichweite, die Allradlösung und adaptive Luftfederung inklusive. Die andere Nissan-Studie kommt von Infiniti. QX Inspiration heißt das Konzeptfahrzeug, das sich mit 4,65 Metern Länge als Allrad-Öko-SUV versteht. In eine ähnliche Kerbe schlägt die IAA-Studie des Seat-Ablegers Cupra, der Tavascan.

Supersportler mit Elektroantrieb?
Das Nischensegment besonders sportlicher E-Raketen klingt exotisch, ist aber recht dynamisch. Neben etlichen Exoten haben sich schon in der Vergangenheit Audi und Mercedes darin versucht: Der Sport-Mercedes SLS AMG Electric Drive, der 2012 vorgestellt wurde, und der Audi R8 e-tron von 2016 gehören aber schon jetzt der Vergangenheit an: Der wirtschaftliche Erfolg war mäßig. Der erste Porsche, der viertürige Taycan, wurde gerade vorgestellt. Er verfügt über eine 800-Volt-Architektur und ist für das Laden am Schnellladenetz vorbereitet, hat 680 oder 761 PS und eine Reichweite von 500 Kilometern (NEFZ), allerdings nur theoretisch. In den kommenden Jahren werden wahrscheinlich weitere Versuche bekannter Marken folgen, etwa der aktuell stärkste Lamborghini Sian mit einer Systemleistung von 819 PS. Dazu gehört etwa das Projekt des Audi PB 18 e-tron, der erstmals in Pebble Beach präsentiert wurde, 680 PS leisten und eine Reichweite von 500 Kilometern haben soll.
Der kommende Tesla Roadster ist für 2020 geplant: Und er soll in weniger als 2 Sekunden von 0 auf 100 km/h sprinten und 400 km/h Höchstgeschwindigkeit haben. Reichweite? 1.000 Kilometer! Hierzulande unbekannt ist der 2017 vorgestellte Techrules Ren aus China (mit einer Karosserie von Giugiaro und Giorgetto), der mit einer Gesamtleistung von 1305 PS demnächst auf den Markt kommen soll.
Dann sei noch eine Frage erlaubt: Wo bleibt ein breites Angebot von praktischen, kleinen und preisgünstigen E-Autos, oder ist die E-Mobilität nur ein prestigeträchtiger Spielplatz?

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