Clock and watch concept with time flying away on paper

Carpe diem!

Wie wichtig Zeit in unserer Gesellschaft ist, zeigt sich nicht zuletzt in Aussprüchen wie „Zeit ist Geld“. Was aber ist Zeit und warum fällt es uns so schwer, mit ihr hauszuhalten? Ein Phänomen der modernen Gesellschaft?
Ein Artikel von M;arion Flach

Die Zeit ist immer und ausnahmslos unsere Begleiterin, und wir können nie wissen, wann sie uns auf die Schulter klopft, um uns an ihre Existenz zu erinnern“, schreibt Truls Wyller, Professor für Philosophie, in seinem Buch „Was ist die Zeit?“. Unbegreiflich und immer präsent ist sie also.

„Liebst du das Leben? Dann vergeude keine Zeit,

denn daraus besteht das Leben.“

Die Zeit ist auch ein Maß, mit dem wir versuchen, das Leben zu strukturieren. Seitdem Menschen ein Zeitbewusstsein besitzen, würden sie den Lauf der Zeit mit Bezug auf den Wechsel von Tagen und Jahreszeiten ordnen, erklärt Truls Wyller. So definiere der sichtbare Rhythmus der Himmelskörper die Ordnung der Zeit und habe sich schon in ältesten Kalendern niedergeschlagen.

Der Lauf der Gestirne wurde dann von der (präzisen) Uhr abgelöst, die naturwissenschaftlich erklärt und definiert werden kann. „Moderne Uhrwerke regulieren den Tagesablauf der Menschen so, wie die Kalender früherer Zeiten ihre jährlichen, monatlichen und wöchentlichen Aktivitäten geregelt haben“, beschreibt Wyller das Phänomen. Spannend ist jedoch, dass es nun eine immer genauere Einteilung und somit Quantifizierung der Zeit gibt, die gleichzeitig aber nichts über die Qualität der erlebten Zeit aussagt. Obwohl die Zeit durch Uhren doch für alle gleich zu sein scheint, erlebt sie also jeder anders.

Messbar oder subjektiv?

„Für den Physiker ist die Dauer einer „Sekunde“ genau und unzweideutig festgelegt: Sie entspricht 1.192.631.700 Schwingungen der Strahlung beim Übergang zwischen zwei Energiestufen des Isotops Cäsium 133“, stellt der US-amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine etwas nüchtern fest. In seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit“ geht er aber davon aus, dass Lebensrhythmus und Tempo tief im jeweiligen kulturellen Grundwertesystem verankert sind.

Foto: freshidea - fotolia.com

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Die Begriffe Tempo und Rhythmus stammen aus dem Bereich der Musik. Allerdings sind musikalische Tempobezeichnungen wie Adagio, Andante, Allegro oder Presto äußerst subjektiv und vom jeweiligen Interpreten abhängig. Die zeitliche Länge eines Stückes, also die Dauer, variiert damit auch sehr stark. „Dasselbe gilt für die menschliche Zeit“, ist Robert Levine überzeugt. „Wir spielen die gleichen Noten in der gleichen Reihenfolge, die Frage ist nur, in welchem Tempo, denn das hängt von der Person, der Aufgabe und der Umgebung ab.“

Obwohl Zeit ein vielbeforschter Gegenstand ist, scheint es unmöglich zu sein, wirklich auf den Punkt zu bringen, was Zeit nun wirklich ausmacht. Eine Definition ist also äußerst komplex. Eine Antwort bleibt Levine – wie auch viele andere Wissenschaftler – schuldig.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Unsere westliche Gesellschaft ist von der Wirtschaft, von Erfolg und von der Uhr geprägt. Wir machen Termine aus, müssen Deadlines einhalten, stehen unter ständigem Zeitdruck. Benjamin Franklins Ratschlag, daran zu denken, dass Zeit Geld sei, ist zum Credo geworden. Stefan Klein, Physiker und Philosoph, beschreibt den Umgang mit der Zeit im Buch „Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist“ folgendermaßen: „Vor den Uhren kann sich niemand in der heutigen Gesellschaft verstecken. Sie sind überall. Das ganze Leben ist nach ihnen ausgerichtet. Wir jagen engen Terminen nach und denken mit Wehmut daran, was wir alles gern täten, wenn wir nur wüssten, wann. Mitunter fühlen wir uns wie in einen Strudel geraten und fürchten, fortgerissen zu werden.“ Nur eine Erfahrung gebe es also mit der Zeit: Dass wir keine haben. Aber stimmt das wirklich?

Zeit-Reichtum

24 Stunden hat unser Tag, 168 die Woche und ein Jahr immerhin 8.760. Ganz schön viel – könnte man meinen. Trotzdem haben wir oft das Gefühl, die Zeit verfliegt, ein Tag sollte mindestens doppelt so viele Stunden haben – und das würde dann wohl auch nicht reichen. Aber wohin rinnen unsere kostbaren Minuten und Stunden?

Stefan Klein versucht das Phänomen mit der Struktur des Gehirns zu erklären. So folge die Natur den Gesetzen der Sparsamkeit. Deshalb falle es auch so schwer, im Moment zu bleiben. Wenn in unserer Umgebung wenig passiert, nimmt die Aufmerksamkeit sofort ab, da keine neue Information vorliegt, die irgendwie nützlich für uns wäre.

„Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist,

dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht.“

Die Flut an Reizen, die ganz typisch für unsere moderne Gesellschaft ist, führt allerdings dazu, dass die Aufmerksamkeit sprunghaft von einem Reiz zum anderen wechselt. Dadurch entstehen Konzentrationsprobleme, da Prioritäten nicht richtig gefiltert werden. „Natürlich ist jedem klar, dass erstens Outlook und Co. Zeiträuber sind, die uns unablässig daran hindern, eine Sache ungestört zu Ende zu führen, und dass zweitens nur die wenigsten Mails einer umgehenden Antwort bedürfen“, beschreibt Klein das Dilemma. Mangelnde Aufmerksamkeit führt in weiterer Folge dazu, dass wir zu viel Zeit dafür brauchen, uns wieder bewusst zu werden, was gerade unsere Aufgabe war: Die Zeit schwindet.

work-life balanceEine Sache der Einteilung

Um diesem Problem Einhalt zu gebieten, kann das richtige Zeitmanagement helfen. Bücher und Kurse dazu gibt es wie Sand am Meer. Etwas provokant stellt Stefan Klein in den Raum, dass all diese Ratgeber ähnlich wie eine Diät wirken: Irgendwann kommt es zum Jojo-Effekt. Um notorische Zeitnot zu vermeiden, empfiehlt der Experte, sich schlicht besser zu fokussieren.

„Zeitmanagement bedeutet, die eigene Arbeit und Zeit zu beherrschen, statt sich von ihnen beherrschen zu lassen“, erklärt Lothar Seiwert in „Das 1×1 des Zeitmanagement“. Erfolgreiche Menschen hätten sich irgendwann einmal hingesetzt und darüber nachgedacht, wie sie ihr persönliches Zeitkapitelnverwenden und nutzen.

Auch Stefan Klein geht davon aus, dass es das Wichtigste ist, die Freiheit zu spüren, über seine Zeit selbst zu bestimmen. Außerdem ist er davon überzeugt, dass man die Aufmerksamkeit immer nur auf eine Aufgabe richten kann. Multitasking ist also kontraproduktiv, verwirrt nur und führt zur Zeitverschwendung. Auf-gabenlisten mit gesetzten Prioritäten, die auch immer realistische Zwischenziele miteinschließen, helfen, sich zu konzentrieren.

Rollentausch

Als Mensch sind wir ein soziales Wesen, was auch bedeutet, dass wir immer wieder mit anderen Menschen in Kontakt treten. Dadurch entsteht ein komplexes Beziehungsgeflecht, das sich von der Arbeit, über die Freizeit bis ins Private zieht. Je nach Tätigkeit, Anforderungen usw. nehmen wir unterschiedliche Rollen ein, die wir erfüllen wollen bzw. müssen. Oft ist aber gerade das ein Irrglaube. Wirkliche Zeitprobleme entstehen dann, wenn wir auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen, also zu viele Rollen gleichzeitig erfüllen möchten. Ein klarer Fokus auf das Wesentliche hilft dabei, entspannter zu leben. Suchen Sie sich doch – frei nach William Shakespeare – jene Rolle aus, die gerade am besten zum Lebenstheater passt.

Alles im Lot? – Die Work-Life-Balance

Statistik_Work-Life-Balance_v3Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit in der Waage zu halten, ist für den optimalen Umgang mit der Zeit ebenfalls förderlich. Erholungs- und Entspannungsphasen sind wichtig, um Dinge wieder klarer zu sehen und sich voll und ganz auf eine Aufgabe einlassen zu können. Aber natürlich: Immer eins nach dem andern.

Und vielleicht sollte man sich auch die Erkenntnis von Truls Wyller zu Herzen nehmen: „Die sicherste Weise, das Leben zu verkürzen, ist dagegen, für das nächste Jahr zu planen, sich um morgen zu sorgen oder sich auf den Tag zu freuen, an dem man endlich leben wird. Der Tag, an dem du leben sollst, ist heute, erklärt Seneca, und wenn man vom Leben so wenig wie möglich haben will, braucht man nur seine besten Jahre mit der Sehnsucht nach dem Tag zu verbringen, an dem man aus den Reihen der Arbeitenden ausscheiden und sich öffentlichen Pflichten entziehen kann. Das Leben ist lang genug für den, der heute sinnvoll lebt, und es ist zu kurz für den, der immer zuerst noch etwas erledigen muss.“

Expertentipps
André-Kellner_copy Kristian Kellner

Stress kann man nicht managen. Ich kann nur mich selbst managen. Achtsamkeitsübungen, ein bewusster Lebensstil und aktives Entschleunigen sind sehr wichtig. Allerdings muss man den eigenen Weg finden. 7 Schritte können dabei helfen: Üben Sie Achtsamkeit, seien Sie ein Beobachter, der nicht wertet. Machen Sie eins nach dem anderen: Multitasking ist ein Mythos. Planen Sie Pausen. Sammeln Sie positive Momente. Schaffen Sie sich Abstand und sagen Sie auch einmal „Nein“. Vereinbaren Sie „Heilige Termine“, die nicht verschiebbar sind. Und befreien Sie sich von schlechten Gewohnheiten. Stressresistente (resiliente) Menschen können Positivität aktivieren – das können Sie auch!

André Kellner, Psychologe & Mental Coach, München

Cordula Nussbaum_copy Jan Roeder

Lösen Sie sich davon, wie „man“ sich organisiert. Klassisches Zeitmanagement empfiehlt ein sehr systematisches Vorgehen: To-do-Liste erstellen, Prioritäten vergeben, diszipliniert abarbeiten. Das funktioniert aber nur in einem Alltag, der systematisch abläuft und gut planbar ist. Und wenn Sie selbst sehr strukturiert ticken. Sind Sie eher der kreativ-chaotische Querdenker – also flexibel, ideenreich und empathisch –, helfen Ihnen diese systematischen Tipps nicht. Im Gegenteil! Finden Sie lieber heraus, was Ihre bevorzugte Organisationsart ist (Gratis-Check: www.kreative-chaoten.com) und leiten Sie persönliche Strategien ab, die zu Ihnen und Ihrem Alltag passen.

Cordula Nussbaum, Bestseller-Autorin & Speakerin, München

Stephan-Lermer

Es ist wichtig, immer wieder in die Metabetrachtung der eigenen Zeitgestaltung zu gehen. Die sogenannte 90-Min.-Formel beschreibt eine biologische & psychologische Zeiteinheit. So lange dauert ein Kinofilm, ein Fußballspiel. Nach 90 Min. haben wir oft das Gefühl, eine Zäsur zu erleben, was Studien zufolge einem menschlichen Rhythmus entspricht. Dieses Wissen können wir aktiv für unsere Planung nutzen. In den Pausen kann unser Gehirn Gelerntes und Erfahrungen verarbeiten. So ist auch die Notwendigkeit eines reizarmen Schlafs erklärbar, um unsere innere „psychische Ablage“ abzuarbeiten.

Stephan Lermer, Psychotherapeut & Coach, München

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