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Tradition, Historie & ein ganz besonderer Charakter

Die Auer Dult ist Münchens urigster Jahrmarkt voller Entdeckungen und Originale.
Ein Artikel von Wolfram Seipp

Der Drehorgelmann begrüßt die Besucherscharen mit einem erfrischenden Wasserspritzer aus der Lederhose des frechen Äffchens, das er lässig auf der Drehorgel platziert hat. Zu jedem Treffer hebt es dazu neckisch den Hut zur Begrüßung, während sich der Mann an der Orgel hinter Sonnenbrille und weißem Rauschebart ein Schmunzeln nicht verkneifen kann: Willkommen im Getümmel der Auer Dult, Münchens urigstem Jahrmarkt!
Drei Mal, über das Jahr verteilt, bieten die Marktkaufleute und Schausteller an neun Tagen ihre Waren und Attraktionen an. Zur Maidult, der Jakobidult im Sommer und der Kirchweihdult Ende Oktober strömen jeweils rund hunderttausend Besucher auf den beschaulichen Mariahilfplatz. Jede Dult hat ihren besonderen Charme. Besonders schön ist es zur Kirchweihdult, wenn die Kastanien in strahlendem Herbstgold leuchten.

Größter Geschirrmarkt Mitteleuropas
Trödel, Antiquitäten, Möbel, Bilderrahmen, Körbe, Porzellanfiguren, Küchengeräte, alte Schilder, Schallplatten oder gar ein Warzenschweinkopf als Trophäe für die Wohnzimmerwand stehen dann in den engen Gassen mit ihren Ständen zum Verkauf. Neben Tand und Kuriositäten gibt es auch echte Schätze zu entdecken. Uralte Hirschlederhosen und Trachtenröcke, antiquarische Bücher oder Grafiken und alte Schmuckstücke warten auf Liebhaber und Schnäppchenjäger. Und vor allem viel Geschirr und Porzellan kann hier entdeckt werden: So stapeln sich wahre Geschirrberge, Weißwurst-Terrinen, Silberbesteck, edles Porzellan und kunstvoll verzierte Töpferwaren an ausladenden Ständen. Sie sind ein Aushängeschild der Auer Dult, die als größter Geschirrmarkt Mitteleuropas gilt.
Mancher Töpfer von Gebrauchskeramik, wie etwa Gildo Seifert aus dem Hunsrück, kommen mit ihren Waren schon seit mehr als zwanzig Jahren auf den Mariahilfplatz in der Au. Für seine Stammkunden bringt er vorbestellte Stücke mit. Und wer will, kann sich seine Tasse oder sein Brotzeitbrettl vor Ort mit Namenszug oder Widmung versehen lassen.
Legendär ist die Auer Dult auch für ihre Originale. Da werden marktschreierisch Gurkenhobel angepriesen: eine neue Erfindung, die es sonst nirgends zu kaufen gäbe. Oder man kann sich die Schuhe polieren lassen mit Schuhcreme, die garantiert jahrzehntelang nicht austrocknet. Ein Stück weiter in der Gasse verströmen Hanfkissen und Zirbenkugeln ihren beruhigenden Duft und entspannende Nachtruhe wird versprochen. Das unbestritten älteste und bekannteste Original ist der „Billige Jakob“, der seine Kunden mit seinen Sprüchen davon überzeugt, so manches zu kaufen, von dem man nicht ahnte, dass man es brauchen würde – aber günstig eben. Alte Hosenträger, Putzlumpen, Socken, Strumpfhosen, Poliermittel – fast 150 Artikel hat er regelmäßig im Sortiment. Schon seit über 70 Jahren ist der heute 87-jährige Georg Siegfried Huber mit seinem „Billigen Jakob“ auf der Auer Dult vertreten. Viele Stammkunden halten ihm seit Jahrzehnten die Treue. Solange es die Gesundheit und der Herrgott zulassen, wolle er noch weitermachen, nur hoffe er, dass ihm die Kundschaft nicht wegsterbe, ergänzt er schmunzelnd. Eigentlich ist Georg Huber aber ein Fürther Urgestein. Dort ist er geboren und seit den 1950er-Jahren auf der Fürther Kirchweih eine feste Institution. Das Original ist damals als Jugendlicher noch in den Marktbetrieb seines Vaters eingestiegen, so wie schon Generationen vor ihm. „Der billige Jakob“ sei schon seit bald 300 Jahren in Familienbesitz, erzählt er, und das würde sich hoffentlich nicht so bald ändern.

Fotos: Wolfram Seipp

Nostalgisches Flair und kulinarische Schmankerl
Auf der Dult hinter der Mariahilfkirche locken Fahrgeschäfte, Ponyreiten, Kinder- und Kettenkarussell sowie Auto-Scooter die ganze Familie. Das historische „Russenrad“ mit alter Konzertspielorgel im Eingang ist eine Attraktion der Dult. Das Riesenrad mit seinen bunten, offenen Wagen wurde 1925 in Thüringen gebaut und ist seither unfallfrei im Einsatz. Seit zwanzig Jahren betreibt es Edith Simon zusammen mit ihrem Bruder Herbert Koppenhöfer. Mittlerweile sind die beiden Betreiber im fortgeschrittenen Rentenalter und suchen einen Nachfolger für ihr Riesenrad. Es gibt Hoffnung, dass das „Russenrad“ der Dult weiterhin erhalten bleibt. Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner hat angekündigt, alles zu tun, damit dieser Schatz erhalten bleibe. Schließlich sei er selbst schon als kleiner Bub mit dem legendären „Russenrad“ gefahren.
Nostalgisches Flair verbreitet auch Stephan Bastian, der „Königlich bayerische Hofphotograph“ mit seinen Porträtaufnahmen in Sepia-Färbung. Seit 1976 kann man sich von ihm in seinem provisorischen Studio auf der Auer Dult in Kostümen von anno dazumal mit Rüschenkleid oder Zylinder und Gehstock ablichten lassen.
Mit kulinarischen Schmankerln wie Steckerlfisch, Bio-Bratwurst, Flammkuchen oder Schokoküssen kann man sich zudem für den Gang durch die zahlreichen Verkaufsgassen oder die Fahrgeschäfte ordentlich stärken. Wem der Trubel zu viel wird, kann sich im lauschigen Biergarten unter Kastanien bestens entspannen.

Raritäten und Neuheiten
Grob unterteilt ist die Auer Dult in Volksfestgaudi und Verkaufsstände. Um sich in den Verkaufsgassen besser orientieren zu können, haben diese Namen bekommen: In der „Raritätengasse“ und der „Tandlergasse“ etwa sind hauptsächlich Antiquitäten und Kuriositäten ausgestellt. Die „Neuheitengasse“ steht – wie der Name schon sagt – für Neuheiten im Haushalt, die von Verkäufern vorgeführt und angepriesen werden.
Für einen Stand müssen sich die Fieranten, wie die Marktleute auch genannt werden, bei der Stadt jedes Mal aufs Neue bewerben. Aus doppelt so vielen Bewerbungen werden die rund 300 Fieranten ausgewählt. Die Stadt achtet mit einem Kriterienkatalog darauf, dass die Mischung aus Ständen stets bewahrt bleibt.
Bereits seit 1905 findet die Auer Dult drei Mal im Jahr auf dem Mariahilfplatz statt. Die Tradition der Dult ist jedoch viel älter und reicht bis in das Jahr 1310 zurück. Ursprünglich war es ein Kirchenfest zu Ehren eines Heiligen, bei dem rund um die Kirche an Ständen Waren angeboten werden durften. Damals fand das Kirchenfest auf dem St.-Jakobs-Platz am Anger statt. Im Jahr 1796 verlieh Kurfürst Karl Theodor dem Dorf Au das Recht, zwei Mal jährlich eine Dult abzuhalten, wodurch sich der Name „Auer Dult“ einbürgerte. Mit der Eingemeindung der Au im Jahre 1854 kam die Auer Dult schließlich nach München.
Der Mariahilfplatz mit seiner imposanten Kirche von 1831 verleiht der Dult einen besonderen Charakter. Der neugotische Ziegelbau gilt als erste Kirche in Deutschland, die in diesem Stil errichtet wurde. Während der Dult lädt die Pfarrei Mariahilf zur Besteigung des Turms ein. Die Turmführungen sind auf zwölf Leute beschränkt und bieten einen weiten Blick über die Au und große Teile Münchens.
Trotz vieler Touristen gilt den Münchnern die Auer Dult als ihr ureigener Markt. Dort finden sie Sachen, die es anderswo nicht gibt, und sie treffen Originale, die über die Jahre zu Freunden geworden sind.

Fotos: Wolfram Seipp
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