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„Auch mal etwas Gewagtes zulassen!“

Auf geht’s zu einem kleinen Spaziergang durch München mit den jungen Architekten Tania Leutbecher und Yan Pechatscheck. Vor kurzem haben sie ihr Architekturstudium an der Technischen Universität München erfolgreich abgeschlossen. Bevor es losgeht, möchten wir noch kurz wissen, wo sie morgens am liebsten ihren Kaffee trinken
Ein Artikel von Nicola Seipp
Foto: Privat

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Wir trinken unseren Kaffee am liebsten im „Von & Zu“ in der Luisenstraße, nahe der Technischen Universität. Die haben eine alte Garage in eine Weinhandlung und Café umgebaut. Hier findet man auch meist viel Ruhe, um über anstehende Projekte zu diskutieren.

Welche Orte sollten Architekturinteressierte bei einem ersten München-Besuch unbedingt sehen?
Yan Pechatscheck: Ich würde Besuchern in München vor allem das architektonische Ensemble der Residenz zwischen Hofgarten und Odeonsplatz zeigen. Dort gibt es sehr schöne Theaterspielstätten wie den klassizistischen Herkulessaal und das Rokoko-Cuvilliéstheater. Das Areal umfasst außerdem verschiedene Museen, die Schatzkammer und die Hofkirche. Erschlossen sind diese verschiedenen Orte durch zehn unterschiedlich große Höfe und Gassen, in denen man sich schon mal verirren kann. Dennoch sollte man sich dem Entdeckerdrang hier hingeben. Zu Zeiten König Ludwigs II. wurde übrigens ein prachtvoller Wintergarten auf das Dach gebaut. Der Legende nach hat dort, neben vielen exotischen Pflanzen und Tieren, auch ein Elefant residiert. Im Winter empfehle ich einen Spaziergang über den gemütlichen Weihnachtsmarkt im großen Innenhof und danach zum Aufwärmen in die bürgerliche Trinkhalle „Pfälzer Weinstube“ auf einen Schoppen Riesling und ein deftiges Brotzeitbrett.
Tania Leutbecher: Ich finde die neue Pinakothek sehr interessant. Das Gebäude von Alexander Raimund Freiherr von Branca wurde 1981 eröffnet. Es gibt eine Anekdote, dass man damals in München gerne einen italienischen Bitter getrunken hat und nichts von dem architektonischen Entwurf hielt, was zu dem Ausspruch: „einen ENTFernet-Branca, bitte“ geführt haben soll. Doch ausgerechnet dieses Gebäude ist in meinen Augen fantastisch: Es gibt fantastisch: Es gibt darin Räume aus Naturstein, in denen sich kaum Kunstgegenstände befinden sowie Räume mit Stofftapeten, in denen die ganzen Gemälde hängen. Ich bin davon überzeugt, dass es sich hier um „Naturräume“ und „Kulturräume“ handelt, die sich beim Rundlauf abwechseln. Selbstverständlich ist diese „Natur“ hier künstlich: Sie findet sich als Steinfassade vorgehängt oder als bepflanzter Innenhof eingesperrt wieder. Sie ist schön, ehrlich und hat etwas Romantisches an sich. Dieses kollektive Bild davon, was Natur ist, prägt die ganze Stadt. Natur in München sind die Kastanienbäume in Biergärten, ist die Isar im Sommer, wenn man darin schwimmen kann, oder der Wanderweg von der S-Bahn-Haltestelle Tutzing am Starnberger See hin zum Kloster Andechs.

Foto: Pixabay

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Y. P.: Am Rande des Kunstareals befindet sich einer der ersten Prunkplätze Münchens, der Königsplatz. Die den Platz einrahmenden Gebäude Glyptothek, Antikensammlung und Propyläen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts von Leo von Klenze erbaut. Die klassizistischen Gebäude und die fast brach wirkende Freifläche erscheinen sehr monumental. Die TU München befindet sich direkt dahinter, sodass man täglich den Platz überqueren muss, um dorthin zu gelangen. Bei Sonnenschein füllen sich die massiven Sandsteinstufen der Kunstsammlungen mit Studenten, die dort ihre Mittagspause verbringen. Diesen kargen, fast einschüchternden Platz, der in der Mitte auch noch von einer vielbefahrenen Straße durchschnitten wird, habe ich lange Zeit nicht verstanden. Bis ich eines Tages den Film „Suspiria“ aus den 1970ern von Dario Argento gesehen habe. Es gibt darin eine Szene, in der durch die Abfolge verschiedener Kameraperspektiven eine einsame blinde Person mit ihrem Hund bei Nacht auf der Mitte des Königs-platzes gezeigt wird. Sie wurde in direkten Bezug zur Größe des Platzes gesetzt. Dadurch wurde mir erstmals die Bedeutung der Monumentalität, Dimension und bedrohliche Wirkung des Königsplatzes bewusst.

Haben Sie selbst einen Lieblingsstadtteil?
Y. P.: Für mich ist Schwabing der schönste Stadtteil. Hier kann man sich an manchen Ecken beinahe noch vorstellen, dass es im München der 1960er eine Art revolutionären Geist gab. Außerdem gibt es noch immer viel zu entdecken.
T. L.: Die große Paul-Heyse-Straße, die vom Stiglmaierplatz zum Hauptbahnhof führt. Da bekommt München plötzlich einen Großstadtcharakter.

Foto: Luisa Seipp

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Und auch einen Lieblingsort in der Stadt?
T. L.: Ich stehe tatsächlich gerne im Sommer auf der Donnersbergerbrücke. Da bekommt man die Geschwindigkeit der Stadt mit und hat einen wunderschönen Ausblick auf ihre Silhouette. Oftmals sieht man hier auch den schönsten Sonnenuntergang.

Für welche Person der Geschichte hätten Sie gerne gebaut?
T. L.: Ein Haus für eine Frau wie die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die auch mal etwas Lautes und Extrovertiertes verträgt.

Worin sehen Sie die künftige Herausforderung für Münchner Architekten?
T. L.: Bezahlbaren Wohnraum schaffen! Und auch mal etwas Gewagteres zulassen. Wenn sich München in Zukunft als größere Stadt behaupten will, finde ich diesen Punkt sehr wichtig.
Y. P.: Ich würde versuchen, die Stadt an zentralen Stellen mehr zu verdichten. Meiner Meinung nach fehlt es München an Urbanität.

Foto: Privat

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Was bedeutet Ihnen Architektur?
Uns interessiert nicht nur die Ästhetik und Praktikabilität eines erfahrbaren Raums. Vielmehr sind wir derzeit auch auf der Suche nach dem Politischen in der Architektur.
Welche Auswirkungen haben tagesaktuelle Ereignisse auf  die Architektur? Welche Rolle nimmt sie dabei ein?
Und dabei sind nicht nur politische Institutionen gemeint. Deshalb beschäftigen wir uns momentan mit Exilanten und dem Thema, was Exilarchitektur sein könnte.
In diesem Rahmen planen wir für Anfang 2018 eine Ausstellung in München unter dem Titel „Hotel Exil“.

 

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Foto: Pixabay
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